Digitale Signatur - Banken lassen Pilotversuche mit Eigenentwicklungen laufen

Bequem und sicher von zu Hause aus Bankgeschäfte tätigen, Versicherungen abschliessen, einkaufen - was die Werbung seit langem verspricht, funktioniert in der Praxis nicht. Einzahlungen mit dem PC verursachen einen grösseren Papierkrieg als der Gang zum Bankschalter: Kundennummer und Passwort werden verlangt, und dann
muss auch noch die Strichliste gesucht werden. Nach wie vor kann die Steuererklärung bloss ausgefüllt, aber nicht online verschickt werden. Das Gleiche gilt für Versicherungspolicen. Der Grund: In der Schweiz gibt es die digitale Unterschrift noch nicht.Das soll sich ändern. Die Weichen werden in den nächsten Wochen gestellt. Zuerst sollen die gesetzlichen Voraussetzungen für die Internet-Signatur geschaffen werden. Der Bundesrat lancierte im Frühling einen Vorschlag, in dem die digitale der handschriftlichen Unterschrift gleichstellt wird. Die Vernehmlassung ist abgeschlossen. In der Wintersession wird der Ständerat mit der Beratung des Gesetzes beginnen.Schwieriger dürfte die praktische Umsetzung werden. Bis vor wenigen Monaten schien alles nach Plan zu laufen. Doch dann warf die Firma Swisskey überraschend das Handtuch. Die Tochter der Telekurs-Holding hätte eine schweizweit anwendbare Lösung für die digitale Signatur entwickeln und betreiben sollen. Seither herrscht Ratlosigkeit. Politiker forderten, der Bund solle aktiv werden und die notwendige Infrastruktur bereitstellen. Auf eine Interpellation des Berner SP-Nationalrats Paul Günter versprach der Bundesrat bloss, die Möglichkeit zu prüfen.

Eine Variante ist die Einführung einer digitalen Identitätskarte. Eine Studie soll als Grundlage für den Entscheid des Bundesrats dienen. Sie liegt bereits vor. Eine konkrete Empfehlung gebe es darin nicht, sagt Urs Bürge, Koordinator für E-Government im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement. Die Zeit drängt. Die Banken wollen ihren Kunden möglichst rasch die digitale Signatur anbieten. Bei UBS, CS oder Migrosbank laufen Pilotversuche für eigene Lösungen. UBS und Migrosbank werden schon im nächsten Jahr die unbeliebten Strichlisten durch Smartcards ersetzen. Und die UBS kündigt für nächstes Jahr die Einführung eines eigenen Identifikationsverfahrens an. Die Liechtensteinische Landesbank bietet ihren E-Banking-Kunden die digitale Unterschrift bereits an.Wer die Registrierung übernehmen soll, ist noch nicht geklärt.Damit droht ein Szenario, das eigentlich alle vermeiden wollten: Viele Insellösungen verhindern, dass sich die digitale Unterschrift in der Schweiz breit durchsetzt. Dass die Konsumenten just dies nicht wollen, zeigt die Auswertung des Pilotprojekts der Migrosbank. «Die Kunden fanden es toll, aber sie wollten weitere Anwendungen», erklärt Geschäftsleitungsmitglied Franz Jenni.Wo klemmt es? Nicht geklärt ist vor allem, wer die Registrierung der Konsumenten übernimmt, die die Signatur einsetzen wollen. Dafür braucht es eine vertrauenswürdige Stelle, bei der man persönlich vorsprechen und sich ausweisen muss. Dann erhält man ein Zertifikat, das als digitale Unterschrift verwendet werden kann - beispielsweise auf einer Smartcard, einer Diskette oder einem USB-Token, eine Art Identifizierungsstecker, der wie ein Schlüssel funktioniert. Der Unterhalt dieser Infrastruktur kostet Geld. Swisskey sah deshalb keine Chancen, das Geschäft rentabel betreiben zu können.

Wer wird zum Swisskey-Nachfolger? Bereits stehen verschiedene Bewerber in den Startlöchern, die alle von sich behaupten, eine praktikable Lösung präsentieren zu können. Breit abgestützt ist die vor wenigen Wochen gegründete IG-Top. Daran sind Unternehmen wie Swisscom, Arthur Andersen oder die ZKB beteiligt, aber auch Economiesuisse,
verschiedene Bundesstellen oder die ETH machen mit.Die IG-Top will mit einem Businessplan zeigen, «wie die digitale Signatur technisch und wirtschaftlich kostendeckend umgesetzt werden kann», erklärt IG-Top-Sprecher René Müller. Ende November will die IG eine Lösung präsentieren. Eine fertige Anwendung bietet die Genfer Wisekey SA, die unter anderem am Projekt E-Voting in der Rhonestadt beteiligt ist. Mitglied von IG-Top ist die Zürcher SwissSign AG. Die Firma bietet eine eigene Softwarelösung, mit der das Zertifikat für die digitale Unterschrift in den Browser oder ins E-Mail-Programm integriert wird. Für die Identifizierung könnte beispielsweise das Einwohneramt der Gemeinde zuständig sein, erklärt SwissSign-Sprecher Joseph Doekbrijder.

Als Nachfolger von Swisskey will sich auch SwissCert AG in Kloten profilieren. Noch im November werde man dem Bund ein Konzept für eine Lösung vorstellen, kündigt Verwaltungsrat Jean Paul Kölbl an. Für die Identifikation müsse keine aufwändige Infrastruktur aufgebaut werden. Per Daumenabdruck und entsprechender Software könne das Zertifikat zu Hause am PC hergestellt und erweitert werden. An der technischen Umsetzung wird noch gearbeitet.

Bis Ende Jahr wird klar sein, in welche Richtung die Entwicklung gehen könnte. Findet die IG-Top keine Lösung für eine kostentragende Registrierung, dürfte erneut der Ruf nach staatlicher Initiative laut werden.Ob sich der Bund darauf einlassen wird, ist fraglich. Schliesslich gibt es ausser bei Steuererklärungen, Abstimmungen und Passanträgen kaum Serviceleistungen, für die es die digitale Unterschrift braucht. Zudem gibt es auch Alternativen, die ohne technischen Schnickschnack auskommen. Das zeigt das Pilotprojekt für E-Voting in Genf. Hier werden die Abstimmenden durch einen Code identifiziert, den man auf dem Stimmausweis schlicht und einfach freirubbeln muss.